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bad person

life on relaunch

7/5/16 11:21 pm - The paradigm shift.

2012. Sommer. Ich sitze mit meinem besten Freund im Biergarten und erzähle, weil ich ihn lange nicht gesehen habe. Erzähle von den letzten Monaten, von der neuen Liebe, der unglaublichen Vertrautheit, die ich so noch nie gefühlt habe. Irgendwann sagt er "Jaja, wunderschön ist das. Du darfst nur nicht in ein großes Loch fallen, wenn sich mal jemand anfängt ein wenig zu entfernen und das nicht du bist."

Lange hatte ich diesen Satz im Ohr und lange dachte ich, er wäre Quatsch.

Dann kamen berufsbedingte Wochenpendelei und Arbeitslosigkeit, Selbstzweifel und eine Weile des Neujustierens.

Und jetzt? Jetzt sind wir vertraut und doch fremd. In unseren Einstellungen hat sich nicht sehr viel geändert. Nur Nuancen. Aber jede davon tut schrecklich weh, weil der totale Gleichklang eben nicht mehr da ist.

Was tun?

Es akzeptieren scheint kein gangbarer Weg, wenn zumindest das klar ist: ein langsames Ausdümpeln will keiner.

Einen klaren Schnitt machen wäre Selbstmord aus Angst vor dem Feind, denn es gibt keine Veränderung im Charakter oder im Wesen, die das rechtfertigen würde.

Mit Macht zum status quo zurück wäre der Weg. Aber dazu müssten beiderseitig alle Vorbehalte ausgeräumt sein; und das ist zeitaufwendige Arbeit.

Müsste man doch einfach nur zurückschalten auf die Unkompliziertheit, die alledem anfangs innewohnte.

Aber... warum eigentlich nicht...? 

6/10/16 12:21 am - Life on autopilot.

Und alle paar Monate ein Wechsel der Situation: 01.10.13, 01.01.14, 01.10.14, 26.05.15, 01.09.15, 01.04.16, ständig wechselt die Perspektive: Julia weg, Job weg, Julia geht nach Marburg, ich ziehe nach Marburg, meine Ausbildung fängt an, sie geht zurück nach Dresden - und als nächstes der 01.10.16.

Wenn das Leben danach nicht wieder ein wenig zur Ruhe kommt, weiß ich nicht was passiert. Sicher: vor diesem ganzen Theater war die Ruhe und das Glück auf Pump. Sicher: dazwischen liegen anderthalb Jahre, denen gegenüber die Situation jetzt sich wie das totale Luxusproblem ausnimmt.

Dennoch: Mit jedem Abschnitt ist der Abstand zur alten Vertrautheit gewachsen, hat sich das Ausmaß des Vermissens verringert, ist der Fokus wieder mehr zum eigenen Leben, zum eigenen Alltag gewandert.

Und mit jedem Schritt wird die Unsicherheit größer, ob es ein Zurück zu dem geben kann, was zumindest ich mir so sehr wünsche. Nach den Erfahrungen aus der Vergangenheit sage ich: wenn ich nicht daran glauben würde, säße ich jetzt nicht hier und würde diese Zeilen schreiben.

Aber wir wetten beide darauf, dass sich zwei Menschen - mehr oder weniger - unabhängig voneinander über ein paar Jahre in eine parallele Richtung entwickeln. Das mag gewagt sein. Aber was vorher an Vertrautheit und Nähe aufgebaut war, macht Hoffnung, dass wir am Ende dafür belohnt werden.

The road is long. But we've got solid shoes!

6/4/16 12:18 am - Dead at 25.

Zugegeben: was ich für normal halte, ist wahrscheinlich nicht normal für Leute Mitte 30 in meinem Milieu. In diesem Alter hat man normalerweise schon ein paar Jahre Berufserfahrung (selbst nach einem Studium), man hatte Zeit, eine nette Frau kennenzulernen und ein paar Wurzeln zu schlagen - was ich inzwischen wirklich gern täte.

In einer solchen Lebenssituation mag es normal sein, dass sich das Bedürfnis, gelegentlich auszugehen, sagen wir auf 5-7 Bier oder zu Konzerten, ein wenig legt. Oder zumindest, dass es überlagert wird durch die Notwendigkeiten des Alltags, die ja auch durchaus erfüllend sein mögen.

Nun habe ich diese Verpflichtungen leider/zum Glück nicht, auch wenn ich bereits 37 Jahre alt bin. Meine Kollegen sind 25/26 und sind eben so wenig familiär gebunden. Faszinierender- bzw. Erschreckenderweise verhalten sie sich aber so. Ausgehen? Ein paar Bier trinken? Ist was für Proleten. Quatsch machen? Peniswitze? Wie unreif.

Wie ich diese Position zu hassen begonnen habe. Und leider ist das bei den aktuellen Jahrgängen hier Legion zu sein. Der eine Anwärter von 2015 hat mit zwei Kolleginnen zu kämpfen, von denen die eine ein Bessermensch in jeder Hinsicht ist und der andere die eigene Unsicherheit als persönliche Reife zu verkaufen versucht.

Das tun auch meine Kolleginnen - glücklicherweise zumindest nicht mein Kollege.

Man könnte - und ich sollte - das beiseite legen. Und auch wenn ich weiß, dass es zwecklos ist, ärgert es mich. eben WEIL ich den Mechanismus so gut kenne. Andere haben Spaß, bei einem selbst steckt der Stock zu tief im Arsch, also macht man das madig und sagt "pah, so unreif".

Dass man damit eine unfaire Position über sympathische, offene, lustige Leute einnimmt, ist das eine. Das andere, Schlimmere, ist, dass man sich damit selber blockiert. Dabei, den Stock aus dem Arsch zu nehmen. Und das ist tragisch, denn die Betreffenden haben durchaus Geschmack und Humor.

Soviel verschenktes Potenzial. Durch Snobismus.

4/3/16 01:50 am - 2016. Die Grenzen verschwinden.

Okay. Früher hatten wir ein Parteienspektrum, das sich an der Grenze Vermögensverteilung orientiert hat. Rechts saßen die Konservativen, die gar nicht oder nach oben verteilen wollten, links die Linken, die nach unten umverteilen wollten.

Dieser Konflikt ist momentan vereist, obwohl das Problem sich eher verschärft hat. Das politische Spektrum sortiert sich gerade neu, und zwar anhand der Grenzlinie Liberalismus/Autoritarismus. Dabei fällt auf, dass praktisch ALLE politischen Kräfte der Bonner Republik auf der liberalen Seite stehen, während sich große Teile des Wählerspektrums der alten Volksparteien entscheiden muss, welche Spielart der jeweiligen Politik es bevorzugt. Insofern ist die AfD also wirklich eine Volkspartei, indem sie autoritäre Strömungen von überallher aufgreift.

Für den erklärten Linken wird da die Wahl sehr schwer: die letzten Wählerwanderungen gingen so sehr zulasten der Linkspartei, dass Stimmen für diese in nahezu jedem Szenario verloren scheinen. Die Grünen sind keine linke Partei, die FDP nach wie vor nur im ökonomischen Sinne liberal und die SPD findet sich nach dem Verrat durch Schröder & Co. im freien Fall.

Eine humane Politik nach außen betreibt aktuell niemand - außer der Kanzlerin. Das macht die CDU zwar immer noch nicht wählbar, aber bei einer Abstimmung über die Politik im Bund müsste man ihr dennoch die Stimme geben, wenn man will, dass traditionelle Werte deutscher Nachkriegspolitik weiter das deutsche Handeln bestimmen. Schlimm genug!

2/20/16 12:53 am - Communication breakdown.

Es ist etwas faul im Staate.

"Politikverdrossenheit" hat man es lange genannt, wenn sich Leute ins Private zurückgezogen haben, statt sich - und sei es nur als Wähler - am politischen Leben zu beteiligen.

Das Problem wurde von Medien, Politik und Wissenschaft, oft beklagt - aber selten wurde gefrragt, warum sich Menschen derart verhalten: was genau sie von ihren jeweiligen milieuspezifischen politischen Vertretern derart entfremdet hat.

Relativ gut dokumentiert ist dieser Entfremdungsprozess dennoch: sowohl der Widerstand gegen eine all zu progressive CDU unter Angela Merkel als auch der Widerstand gegen eine allzu wirtschaftsfreundliche SPD unter Gerhard Schröder.

Beide Trends kann man nicht wirklich beschreiben, egal wie man dazu steht.

Auch "Lügenpresse", der Vorwurf, die Medien würden politisch tendenziell sein, die Regierungsmeinung propagieren oder Probleme verschweigen, ist natürlich weitgehend aus der Luft gegriffen.

Dennoch: Medien vermitteln den Bürgern Politik. Und wenn Medienschaffende eine grundlegend andere Interpretation von politischen Ereignissen haben als die Rezipienten, gibt es ein Problem. Einer Studie von 2005 zufolge verorten sich mehr als 30% der deutschen Journalisten politisch bei den Grünen - in der Gesamtbevölkerung tun das nur 6-8 Prozent.

Das wäre an sich kein Problem, würde es sich nicht bei der Flüchtlingsthematik um ein Politikfeld handeln, bei dem die Position der Grünen sehr deutllich vom konservativen Mainstream abweicht.

Das heißt nicht, dass es in Deutschland gleichgeschaltete Presse gibt, sondern nur, dass Menschen, die eher links stehen, eher Journalisten werden wollen.

Das heßt, dass Konservative, wenn sie in den Medien stärker oder positiver wahrgenommen werden wollen, eben Medienberufe lernen und sich in Medien engagieren sollten.

Mehr nicht.

Ja, es ist wirklich so einfach.

7/27/15 12:34 am - Arbeit nervt.

"Egal, wo man politisch steht: Wer arbeitet, muss eindeutig mehr Geld zur Verfügung haben als jemand der nicht arbeitet."

Dieser Spruch vom österreichischen "Team Stronach", einer rechtspopulistischen Splittertruppe, kursiert seit ein paar Tagen bei Facebook und die Bodenständigen unter meinen fb-Freunden teilen ihn fleißig.

Dazu ein paar Gedanken:

1.
Bleiben wir erstmal im Universum der Leute, die das Leistungsprinzip für sinnvoll halten: Wenn Einkommen von Engagement, Verantwortung und Leistung abhängen soll, dürfte bei uns im Land das Missverhältnis nicht so sehr zwischen "arbeiten/nicht arbeiten" bestehen, sondern innerhalb der arbeitenden Bevölkerung. Lohndumping und prekäre Beschäftigung auf der einen Seite, Topgehälter, Boni, Steuerprivilegien auf der anderen Seite - wenn jemand der Gesellschaft tendenziell auf der Tasche liegt, dann eine verschwindend kleine, reiche Oberschicht.

2.
Der Normalfall - über den Gesamtanteil kann man streiten - dürfte sein, dass Menschen arbeiten wollen. Die wenigsten richten sich in der Arbeitslosigkeit ein. Laut einer Studie der DAK von Juni 2014 sind Arbeitslose in etwa so gestresst wie Topmanager. Mangel an gesellschftlicher Anerkennung und eine bohrende Unzufriedenheit sind ständige Begleiter im Alltag.

3.
Die Arbeitsmarktpolitik ist nach diesem Prinzip ausgerichtet. Keine Reform im Bereich Arbeitslosengeld findet statt, ohne dass dem Grundgedanken Rechnung getragen wird, dass es Anreize geben muss, eine Arbeit aufzunehmen. Und da wird es schwierig. Hartz IV in Deutschland definiert ein Existenzminimum. Wer meckert, davon könne man nicht leben, dem kann man auf den Weg geben: das soll man auch nicht. Man soll davon nicht hungern oder frieren, aber es soll einen Anreiz geben, aus der Situation herauszukommen. De facto ist damit, wenn man den Satz auf 40 Stunden/Woche hochrechnet, ein Mindestlohn definiert, der allerdings ein wenig variiert, weil es zum Standardsatz ja unterschiedlich viel dazu gibt, je nch Mietkosten und Familienverhältnissen. In meinem Fall (ich kriege 868 Euro Hartz IV) würde das heißen: 5,40/Stunde.

Wenn dsa Leistungsprinzip also in Deutschland so gewürdigt wird (5,40 ist was anderes als 8,50, wo bezahlte Arbeit anfängt - und zwar auch erst dank Mindeslohn) - warum muss man diese Selbstverständlichkeit dauernd wiederholen? Möglicherweise, weil man so tun will, als sei das nicht der Fall. Man unterstellt damit, Arbeitslose würden im Verhältnis immer noch viel zu gut leben. Und dann ist es nicht "egal, wo man politisch steht", denn so etwas sagen nur Menschen, die politisch an einem ganz bestimmten Ort stehen - nämlich da, wo kein normaler Mensch stehen will. Und das ist das Ärgerlichste: das "man-wird-doch-wohl-noch-sagen-dürfen". Und zwar nur, um Stimmung zu machen - es hat nämlich nie jemand das Gegenteil behauptet.

4.
Und jetzt geht's ans Eingemachte. Dass das Leistungsprinzip nicht durch die Sozialpolitik ausgehebelt wird, die irgendwem ermöglichen würde, sich auf Transferleistungen auszuruhen, haben wir jetzt gesehen. Aber wir haben in Europa Arbeitnehmerfreizügigkeit. Und sehr unterschiedliche Lohnniveaus. So unterschiedlich, dass jemand woanders mit einer Facharbeiterausbildung soviel verdient wie hier ein ungelernter Arbeiter. Jetzt bin ich der Letzte, der offene Grenzen oder ein freies Europa infrage stellen würde, aber irgend etwas bleibt bei der Geschichte auf der Strecke - mindestens das Leistungsprinzip, auf europäischer Ebene gedacht.

Fazit:
Nicht nur ist es für den Wert der Aussage ziemlich wichtig, wo man politisch steht, die Aussage selber kann man durchaus auch anzweifeln. Nur wer keinen Tag in seinem Leben arbeitslos war kann glauben, dass sich Arbeitslosigkeit wie bezahlter Urlaub anfühlt oder, dass man von Hartz IV gemütlich leben kann. Ob man arbeitslos wird oder nicht, ist - leider! - auch keine Frage, auf die viele Menschen einen großen Einfluss hätten. Ob Ausbildungs-, Studien- oder Karriere-Entscheidungen richtig waren oder falsch, zeigt sich oft erst hinterher. Wenn sie richtig waren, fällt es leicht, nach unten zu treten.

Deshalb hoffe ich, dass ich solchen Plattitüden nicht auf den Leim gehe, wenn es mir mal deutlich besser geht und dass mich gute Leute stoppen, sollte es doch soweit kommen.

7/25/15 01:17 am - Cameo.

Manchmal ist das Leben ein Film. Es gibt Komparsen, die immer wieder von den selben Typen gespielt werden, weil auch die Produktionsfirma der Soap immer dieselbe ist.

Aber es gibt auch Zeiten, da wurde richtig nachgedacht darüber, wer wann wo auftaucht. Staffeln hochwertiger Serien enden immer in der Sommersaison. Diese hier hat vor vier Jahren einen kompletten Neustart gekriegt. Der Fokus liegt nicht mehr so sehr auf Drama, mehr auf Comedy, der gesamte Ton ist weniger ernst-pathetisch und deutlich ironischer geworden. Viele neue Charaktere wurden nach der Staffel 2010/11 eingeführt. Es geht immer noch um dieselben Themen, aber heller, bunter - und gleichzeitig erwachsener und deshalb mit mehr Tiefe.

Für die Fans gibt es aber manchmal Gastauftritte. Vor allem ein Charakter aus den frühen Staffeln taucht immer mal wieder auf, meist aber ohne Text - sie läuft nur durchs Bild und macht ein böses Gesicht.

Gerade läuft die Staffel 2014/15 aus. Für den Herbst steht schon wieder ein größerer Besetzungswechsel an. In den letzten Folgen gab es ein paar Gaststars, die bei den Testzuschauern positive Bewertungen bekommen haben, und auch ein paar Überraschungen kommen dazu.

Und während die Handlung sich richtung Sommerloch bewegt, gab es heute ihre wahrscheinlich letztes Cameo. Und sehr liebevoll von den Machern: diesmal lief sie mit Kinderwagen durch das Bild.

Da kann das Publikum jetzt rätseln, ob endlich der große Traum in Erfüllung gegangen ist oder ob sie nur einen Babysitterjob angenommen hat, um über die Runden zu kommen.

Eigentlich war sie eine tragische Figur, und in den ersten Staffeln ja auch wirklich liebenswert. Später wurde ihr Charakter aber zunehmend holzschnittartig und eindimensional. Der Hauptcharakter konnte nicht mehr an ihr wachsen, die beiden haben sich am Ende beide blockiert. Der Twist am Ende der Staffel 2010/11 war irgendwie abzusehen, aber trotzdem ein Hammer, weil man die Seite an ihm noch gar nicht kannte.

Und seitdem ist eben alles realer - und wenn alte Charaktere nochmal auftauchen, ist das wirklich nur was für Fans.

7/7/15 01:51 am - Time flies.

Familientreffen sind merkwürdig.

Am Wochenende sah ich einen Verwandten, den ich kennenlernte, als ich 12 war und er 10. Damals waren unsere Eltern Mitte 30. Zuletzt haben wir uns Mitte der 90er Jahre gesehen. Heute sind wir Mitte 30. Seine Tochter ist 10, ich habe keine Kinder.

So schnell fühlt es sich an, eine Generation weiter zu sein. Und so sehr gehen Lebensläufe auseinander. Während ich mich immer mehr für Musik, Kunst und später Politik interessiert habe, hat er sich im Werkzeugschuppen seines Großvaters immer wohler gefühlt. Ich kann bis heute keinen Nagel in die Wand hauen.

Für Kinder ist das kein Graben. Aber wenn sich Neigungen in Lebensstile verwandeln, wird es unübersichtlich. Ich habe studiert, danach Probleme mit der Stellensuche gehabt. Wollte keine Familie gründen, obwohl meine Partnerin das sehr wollte. Die Basis war nicht da. Getrennt, wen anders gefunden. Jetzt auch Beschäftigung, aber erstmal wieder Wanderzirkus. Er hat: mit 16 eine Ausbildung angefangen, bald darauf eine Familie gegründet. Zwei Kinder bekommen, Dann: sich von der Frau getrennt. Und der Job - ist sicher... noch. Aber wie lange noch.

Beruhigende Erkenntnis: Kein Lebenslauf führt kalkulierbar zum Ziel, keiner ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Beides hätte klappen können. Hat aber nicht - jedenfalls nicht sofort. Viele Faktoren spielen dabei eine Rolle, KEINE Rolle spielt, wie schnell man "erwachsen" lebt.

Sicher: unsere Neigungen, unsere Umwelt und unsere Erfahrungen prägen uns. Und insofern wirkt mein Verwandter für mich viel erwachsener als ich. Im Habitus. Aber am Ende des Tages ist die Orientierungslosigkeit immer irgendwie da.

Und je älter ich werde, desto tröstlicher finde ich das.

6/26/15 01:06 am - Wechsel.jahre

Das Muster bleibt: Es gibt Jahre der Routine oder des Stillstands - und: andere. Wenn sich die Welt ändert, dann nicht nur in einem Detail:

Der Sommer 2011 war so eine Zeit der Veränderung, und auch der Sommer und Herbst 2015 wird eine werden. Ich ziehe weg, enge Freunde werden eine Familie - und zwar ausgerechnet die engen Freunde, die tendenziell immer fernweh hatten. Ausgerechnet die sind jetzt die letzten Ansprechpartner zum Übernachten in Bonn.

Bonn wird Exil, Marburg zuhause.

Ich frage mich und hoffe, ob jemals etwas "Heimat" sein wird.

6/7/15 02:15 am - Vom Wissen darüber, wann womit Schluss ist.

Als mein Vater so alt war wie ich jetzt, war 1986. Da hatte er schon einen 8-jährigen Sohn, er hatte ein Jahr zuvor ein Haus gebaut und seit ca. 7 Jahren war er verbeamtet.

Ich wohne mit 36 Jahren in einem Wohnklo zur Miete, habe drei Jahre prekär beschäftigt gearbeitet, davor ein Studium absolviert, bei dem ich aber mindestens zwei Jahre komplett verbummelt habe.

Das Eine - das Bummeln - hat mit dem Anderen - dem Aufwachsen im gemachten Nest - sicher ein bisschen was zu tun.

Andererseits: irgendjemand hat letzte Woche geschrieben, ich würde einer Generation angehören, die einfach nicht weiß, wann Schluss ist mit Party machen; schließlich hätten sich unsere Eltern in unserem Alter um Kinder gekümmert, während wir - kollektiv gesprochen - nichts für den Fortbestand unserer Gesellschaft tun.

Verbummelte Studienzeit hin oder her, ich halte das für anmaßend.

Hätte ich die Frau, mit der ich mein Leben teile, früher kennengelernt und wären unsere Arbeitsorte mit einem gemeinsamen Alltag kombinierbar gewesen, wäre ich jetzt vielleicht am selben Punkt wie mein Vater 1986. Am Ende hat das der Arbeitsmarkt aber nicht hergegeben.

Zwar beobachte ich in meinem Umkreis aber schon eine Tendenz, vor allem bei Männern/Vätern, das Erwachsenwerden zum Sanktnimmerleinstag zu schieben. Inwiefern es sich dabei aber nur um Reaktionen auf die Welt und wie sie ist handelt, kann ich nicht sagen.

Dennoch sticht der Satz ins Herz: Die Exfreundin, deren Idee immer war, dass Männer irgendwann erwachsen werden und Familien gründen, und dazu ihr komplettes Leben ändern müssen, frug mich vor einigen Jahren entsetzt, wie alt ich denn werden wolle, bis ich aufhöre, mit meinen Freunden regelmäßig über Filme zu reden und Bier zu trinken. Ich habe es damals nicht verstanden und kann es heute nicht, wo sich Familie und der gelegentliche Absturz mit Freunden ausschließen sollten.

Dennoch: es scheint ein unausgesprochener Konsens zu sein, dass, wer Familie hat, juvenilen Spaß nicht mehr genießen darf. Sicher ist auch: Kinder haben heißt Opfer bringen. Wer meint, er könne mit Familie das alte Leben weiterführen, irrt sicher. Deswegen aber das Picknick mit Hosenscheißer zum Ersatzvergnügen hochzujazzen, ist ein Fehler. Das noch so süße Kind ist kein Ersatz für Freunde, und seien es nur Saufkumpane.

Zeiten ändern sich. Und wir ändern uns mit ihnen. Die Frau und ich teilen unsere Definition von Spaß. Und vielleicht bin ich wirklich einfach unreif und mir fehlt der Instinkt, mit 30 ein Nest bauen zu müssen. Dann ist es ja gut, dass ich erst jetzt mit einer fixen Zukunft darüber nachdenken kann. Und es ist gut, dass ich soviele Menschen zwischen 20 und 30 um mich habe.
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